400. Geburtstag von Anton Heimreich

Heute um 16:00 Uhr fand auf Nordstrand eine Feierstunde zum 400. Geburtstag von Anton Heimreich statt. Anlass war der Geburtstag eines Mannes, ohne den Rungholt, der „blanke Hans“ und große Teile der nordfriesischen Geschichtserzählung heute kaum vorstellbar wären. Anton Heimreich, geboren am 5. März 1626, war kein Archäologe, kein Naturwissenschaftler und kein Augenzeuge der mittelalterlichen Sturmfluten. Und doch ist er der erste Autor, der Rungholt namentlich nennt und dessen Untergang schriftlich festhält. Damit steht er am Anfang einer Wirkungsgeschichte, die bis in unsere Gegenwart reicht.

Anton Heimreich heute

Heimreich wuchs in einer vom Meer geprägten Welt auf. Als Kind erlebte er die Burchardiflut von 1634, bei der die Insel Strand fast vollständig zerstört wurde. Diese Erfahrung prägte sein Leben. Später wurde er Pastor auf Nordstrandischmoor, einer kleinen Hallig, auf der viele Überlebende dieser Katastrophe Zuflucht gefunden hatten. In dieser Umgebung begann er zu schreiben – nicht aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Erinnerungen festzuhalten und das Bewusstsein für eine Landschaft zu bewahren, die „mitten in den Wassern fast versunken“ war.

1666 erschien seine *Nordfresische Chronik*, das erste gedruckte Geschichtswerk Nordfrieslands. In dieser Chronik schildert Heimreich unter anderem die Große Mandränke, die wir heute auf das Jahr 1362 datieren. Er nennt dabei ausdrücklich den „Flecken Rungholt“ als bedeutenden Ort der untergegangenen Edomsharde. Wichtig ist dabei: Heimreich war kein Augenzeuge dieses Untergangs. Er stützte sich auf ältere Aufzeichnungen, kirchliche Unterlagen und mündliche Überlieferungen. Seine Darstellung verbindet historische Nachrichten mit religiöser Deutung – ganz im Geist des 17. Jahrhunderts. Gerade deshalb ist seine Chronik so wertvoll: Sie bewahrt Ortsnamen, Erinnerungen und Erzählungen, die andernfalls verloren gegangen wären. Auch die Rungholt‑Sage, die spätere Generationen so stark geprägt hat, nimmt hier ihren schriftlichen Anfang. Selbst der Ausdruck „Trutz, blanke Hans“ ist erstmals bei Heimreich überliefert.

Dass Chroniken dennoch nicht alles erzählen, zeigt ein Beispiel aus der Geschichte Nordstrands besonders deutlich: der Sturmflutkelch. Der Kelch wurde ursprünglich für die Kirche in Morsum gestiftet und überstand die Flut von 1634 nur knapp. Heute gilt als gesichert, dass Anton Heimreichs Vater den Kelch sicherte und dass er später von Antons Bruder Sebastian für die Gottesdienste auf Nordstrandischmoor genutzt wurde. Dort gab es damals noch keine Kirche und keinen eigenen Abendmahlskelch. Diese Geschichte ist heute rekonstruierbar – sie findet sich jedoch nicht in Heimreichs Chronik. Das macht deutlich: Chroniken sind unverzichtbare Quellen, aber sie erzählen nicht alles. Und manches, was nicht aufgeschrieben wurde, hat sich dennoch genau so ereignet.

Tanja Brümmer

Die Chronik Anton Heimreichs hätte trotz ihres Drucks leicht in Vergessenheit geraten können. Dass dies nicht geschah, ist ein historischer Glücksfall. Als Detlev von Liliencron 1882 als Vogt nach Pellworm kam, griff er als Dichter und belesener Mann auf die Heimreich‑Chronik zurück. Besonders faszinierten ihn das Motiv des „blanken Hans“ und der Untergang Rungholts. Mit seinem Gedicht *Trutz, blanke Hans* machte Liliencron Rungholt im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Das Bild einer reichen, überheblichen Stadt, die vom Meer verschlungen wird, prägte Generationen. Darauf folgten Romane, Erzählungen, Lieder – und schließlich die wissenschaftliche Neugier, die Andreas Busch 1921 zur Entdeckung realer Kulturspuren im Watt führte. Damit begann die moderne Rungholtforschung.

Ein weiterer Gedanke eröffnet eine spannende Perspektive über die Nordsee hinaus. Der englische Hafenort Dunwich ging ebenfalls im 13. Jahrhundert durch Sturmfluten unter. Er war nachweislich groß, wohlhabend und von politischer Bedeutung; bis ins 19. Jahrhundert hatte Dunwich sogar Parlamentssitze. Anton Heimreich hielt sich 1649 und 1650 in England auf, belegt ist sein Aufenthalt in London. Dunwich lag damals nur rund 150 Kilometer entfernt und war als untergegangene Stadt weithin bekannt. Es ist zumindest denkbar, dass Heimreich von Dunwich wusste – und dass dieses reale Vorbild seine Vorstellung davon beeinflusste, wie ein untergegangener Küstenort beschrieben werden konnte. Dies ist keine bewiesene Erkenntnis, sondern eine Deutungshypothese. Sie zeigt jedoch, wie sehr Heimreichs Werk auch im größeren europäischen Kontext gelesen werden kann.

400 Jahre nach seiner Geburt wird deutlich: Anton Heimreich war kein moderner Historiker. Aber er war ein Brückenbauer – zwischen Erinnerung und Schrift, zwischen Überlieferung und Forschung, zwischen Mythos und Realität. Ohne ihn gäbe es viele Fragen nicht, denen Archäologie und Wissenschaft heute nachgehen können. Seine Chronik ist kein Abschluss, sondern ein Anfang. Anton Heimreich hat Rungholt nicht erfunden, aber er hat es bewahrt.

 

Grußwort der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein
Zum 400. Geburtstag von Anton Heimreich am 5. März 2026

Liebe Mitglieder des Nordstrander Heimatvereins,
liebe Bürgermeisterin,
liebe Freundinnen und Freunde der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein,
liebe Gäste,

heute gedenken wir eines Pioniers der nordfriesischen Geschichtsschreibung: Anton Heimreich, der vor 400 Jahren geboren wurde. Mit Mut, Neugier und einem feinen Sinn für Dokumentation legte er den Grundstein für die Nordfriesische Chronik, deren Spuren bis heute in unseren Forschungen nachhallen. Seine Arbeiten verbanden sorgfältiges Quellenstudium mit einer tiefen Verbundenheit und Achtung gegenüber der Landschaft, den Menschen und den Naturgewalten der Nordseeküste.

In einer Epoche, in der Schriftquellen rar waren und die Wege der Geschichte oft im Unklaren lagen, machte Heimreich durch akribische Recherche sowie die Auswertung von Erzählungen, Urkunden und lokalen Überlieferungen eine brüchige Vergangenheit greif- und erlebbar. Dabei konnte er auf vielfältige Quellen zurückgreifen – unter anderem auf die Unterlagen seines Vaters und Schwiegervaters sowie auf die Arbeiten von Matthias Boetius und Johannes Petreus und auf die Aufzeichnungen seines Zeitgenossen Peter Sax.

Mit seinem Werk stärkte er nachhaltig das Bewusstsein für regionale Identität und inspirierte zugleich Generationen von Forscherinnen und Forschern, die Geschichte Nordfrieslands systematisch zu erfassen und zu bewahren.

Heute, da archäologische Methoden, digitale Dokumentationen und interdisziplinäre Ansätze unseren Blick auf die Vergangenheit erweitern, erinnern wir uns daran, wie wichtig das Zusammenspiel von Quellenkritik, Feldarbeit und musealer Vermittlung ist. Heimreich hätte diese Verbindung wohl begrüßt: die Chronik als lebendiges Archiv, das Vergangenheit in Gegenwart übersetzt und Perspektiven für die Zukunft eröffnet.

„Trutz, blanke Hans!“

Mit herzlichen Grüßen
vom Vorstand der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein

Peter Portalla
2. Vorsitzender der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein e. V.

Grußwort der Rungholtgesellschaft

Zum 400. Geburtstag von Anton Heimreich

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde Rungholts,

wenn wir heute über Rungholt sprechen – über seine Lage, seine Geschichte und seine Bedeutung –, dann stehen wir auf den Schultern früher Chronisten. Einer der wichtigsten unter ihnen ist Anton Heimreich, dessen Geburtstag wir in diesem Jahr zum 400. Mal begehen.

Heimreich hat Rungholt nicht entdeckt, aber er hat es überliefert. In einer Zeit, in der es weder archäologische Grabungen noch Kartenmaterial im modernen Sinne gab, sammelte er Berichte, Urkunden und mündliche Überlieferungen zur untergegangenen Insel Strand und zu Rungholt als ihrem zentralen Ort. Seine Nordfriesische Chronik bewahrte Wissen, das andernfalls verloren gegangen wäre.

Für die Rungholtforschung ist Heimreich deshalb von unschätzbarem Wert:
Er hielt Namen von Kirchspielen fest, beschrieb Sturmfluten und ihre Folgen und gab Hinweise auf Siedlungsstrukturen, die heute – Jahrhunderte später – erneut geprüft, kritisch hinterfragt und archäologisch eingeordnet werden können. Ohne Heimreich gäbe es viele dieser Anknüpfungspunkte nicht.

Er steht damit am Anfang einer langen Forschungsgeschichte, die von Heimatforschern, Wissenschaftlern und engagierten Ehrenamtlichen bis in unsere Zeit fortgeführt wird. Auch wenn moderne Forschung manche seiner Angaben korrigiert oder neu bewertet, bleibt sein Werk ein Fundament.

Als Rungholtgesellschaft sehen wir Anton Heimreich deshalb nicht als unfehlbare Autorität, sondern als Brückenbauer: zwischen Überlieferung und Forschung, zwischen Mythos und Geschichte. Dafür gebührt ihm unser Dank und unser Respekt.

Vielen Dank.